Von wegen Leistung - Geborene Eliten

Antwort auf die Frage: „Was macht dich elitär?“ im dreizehnten „ScienceTalk”, Neue Galerie Graz

 

„Ein Eliten-Dasein hat [...] viel mit ‚Vererbung’ und weniger mit Leistung zu tun. Was in Zeiten von Elite-Universitäten, Elite-Schulen und Elite-Betrieben zu denken gibt.“ Bei dieser Ankündigung muss es sich um eine Veranstaltung mit Michael Hartmann handeln, weil dieser,  wie er selbst sagt, ein Monopol auf ein Forschungsgebiet habe. Er ist Professor für Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt und erforscht unsere Eliten. Damit erklärt er auch seine, obwohl ein deklarierter Linker, außergewöhnliche Medienpräsenz. Daneben beschäftigt sich Hartmann mit Management-, Industrie- und Organisationssoziologie. Einem breiteren Publikum bekannt wurde Michael Hartmann u.a. mit "Der Mythos von den Leistungseliten. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft" (Campus, 2002). Dabei wurden rund 6.500 Promovierte aus den Jahren 1955 bis 1985 auf ihre Herkunft und Karriere hin untersucht.

Eine Diskussion über Eliten ist - bei uns und heutzutage - so selten wie jede ernsthafte Auseinandersetzung mit Macht und Herrschaft. Sozusagen allgegenwärtig und trotzdem nicht der Rede wert - in unserer hochentwickelten Demokratie mit und unter lauter Gleichen. Grundsätzlich gibt es in diesem Zusammenhang zwei Frageebenen: „Soll oder muss es eine elitäre Schicht geben?“ einerseits, „Wer und wie wird jemand ein Mitglied dieser Eliten?“ andererseits. Bei ersterer zieht sich Hartmann auf die wissenschaftlich-soziologische Unbeantwortbarkeit zurück: Er könne nicht sagen, ob es ohne Eliten besser, schlechter oder gar nicht funktioniere. „Ich kann auch kein Experiment machen, in dem ich zum Beispiel sage, wir machen Österreich ‚elitenfrei’ und schauen was passiert.“ Auf eine Publikumsfrage, ob wir angesichts seiner Forschungsergebnisse überhaupt noch von demokratischen Verhältnissen reden könnten, antwortet er allerdings nicht ganz wertungsfrei: „Es gibt verschiedene demokratische Elemente - und um deren Erhalt lohnt es sich zu kämpfen“, so Hartmann anhand eines Beispiels aus seiner Universitären Personalbestellungspraxis.

Zweitere Frage dreht sich um die Zugangsbedingungen zu den Eliten, gerecht ist demnach was chancengleich ist, beim Spitzenpositionen Ergattern - in der Wirtschaft, in der Wissenschaft und Verwaltung. Und hier hat Hartmann sehr viel, interessantes, detailliertes auf Lager. Was er außerdem lediglich konstatieren könne: „In Ländern wie England oder Spanien, die sehr enge Zugangsbedingungen zur Elite hätten, ist die Ungleichverteilung zwischen arm und reich größer.“ „Offenere Eliten“ und weniger Ungleichheit finde man hingegen etwa in Skandinavien. Und Elite-Universitäten hätten neben dem negativen Effekt, dass für die restliche Unis weniger Geld vorhanden sei, auch eine Verengung des potentiellen Kreises der (künftigen) Eliten zur Folge – und wenig mit der Förderung von Spitzenleistungen zu tun. Die weit verbreitete Vorstellung von unseren Eliten als gleichsam "Leistungs-Eliten" ist bei näherem soziologischem Hinsehn sowieso nicht aufrecht zu erhalten.

„Eliten gehen weder im Leistungs-, noch im Klassenbegriff auf, sondern sind am ehesten über „Macht“ definierbar.“ Von wegen Leistung: unsre Eliten seien keine, genauer: kaum „Nieten im Nadelstreif, wie der griffige Begriff aus den Siebzigern des vorigen Jahrhunderts lautete, weil auch sie fähig sein müssen und fähig sind.“ Der springende Punkt sei aber, dass es auch andere KanditatInnen gäbe, die dies ebenfalls könnten. „Die die gleichen Vorraussetzungen und die gleiche Leistungsfähigkeit haben, aber – wegen anderer Merkmale – nicht zum Zug kommen.“

 

Überraschend klare Ergebnisse aus seinen wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen etwa, dass es ums Mehrfache wahrscheinlicher ist, beispielsweise im Aufsichtsrat eines großen Konzerns zu landen, wenn deine Eltern, meistens: Vater, schon dort war oder ist. Wenn jener zur Oberschicht gehört(e) ist es für dich immer noch leichter, als wenn deine Eltern aus der Mittelschicht kommen. Aus der Arbeiterschicht startend bist du bereits extremer Außenseiter, und zwar bei gleichen Qualifikationen - an sich unüblich, aber doch möglich! Die soziale Herkunft entscheidet, und nicht die (überragende) Leistung. Erstere prägt deinen „Habitus“, welcher sehr tief sitzendes, in deinen Körper eingeschriebenes Erlerntes ist. Dein Habitus bestimmt deine Bewegungen, Körperhaltung, deine Denk- und verbale wie nonverbale Ausdrucksweise, deine Vorlieben, Geschmack – und diese Aufzählung ist  noch unvollständig! Erlernbar ist dies alles im schulischen Werdegang kaum - ausgeträumt der Traum von der Chancengleichheit, selbst bei angenommen gleichen Bildungschancen.

 

Hartmanns bislang letztes Buch: "Elitesoziologie" (Campus, 2004). Weiteren Publikationen gehören u.a. "Topmanager. Die Rekrutierung einer Elite" (1996) oder "Juristen in der Wirtschaft" (1990).

 

wodt (Wolfgang Schmidt)